Wut und Ärger. Vom Umgang mit miesen Gefühlen.

Gestern hat es mich mal wieder erwischt. Da hatte jemand auf einem sozialen Netzwerk eine Aussage eines Musikers geteilt, in der dieser sich herausnahm, mal eben rund 17 Millionen seiner Landsleute zu beleidigen und zu beschimpfen. Warum? Weil sie in einer politischen Frage anderer Meinung waren als er. Darüber habe ich mich so sehr geärgert, dass ich einen beleidigenden, beschimpfenden Kommentar dazu geschrieben habe. Ich war eben einfach wütend. 

Nur dass das keine Begründung dafür ist, sich so zu verhalten. Auf mieses Verhalten mit miesem Verhalten zu reagieren ist nicht klug, nicht menschlich, nicht hilfreich. Und es schlägt mehr Türen zu, als es öffnet. Als mir das klar wurde, habe ich den Kommentar gelöscht und mich dafür entschuldigt. 

Dass wir uns nicht missverstehen: ich finde die fragliche Aussage nach wie vor unerträglich arrogant. Aber darum geht es nicht. Sondern darum, was meine Reaktion darauf ausgelöst hat – bei mir und bei anderen. Nicht viel Gutes, jedenfalls. 


Ich bin sicher, so etwas wird mir wieder passieren. Irgendetwas, irgendjemand drückt einen Knopf, und etwas in mir explodiert.  Dir auch? Dann lass uns mal schauen, wie ein konstruktiver Umgang damit aussehen kann. Ziel: keinen neuen Schaden anrichten und vielleicht sogar ein kleines bisschen daran wachsen. 


Der Methodenkoffer des Coachings liefert dazu diverse Ansätze. Zunächst einmal richte ich den Blick nach innen, um zu verstehen, warum ich so heftig auf diesen Reiz reagiere. Die Theorie dabei: ich lehne ab, was ich in mir selber wahrnehme und nicht mag. Wenn ich also Arroganz und Rechthaberei wahrnehme und mich darüber ärgere, dann darum, weil ich selber zu Arroganz und Rechthaberei neige und das bei mir selber ebenfalls ablehne. Abhilfe: die eigenen Schwächen annehmen und integrieren. Das reduziert die Anfälligkeit für den entsprechenden äußeren Reiz und somit für den Wutausbruch.

Jetzt verstehe ich also meine eigene Reaktion. Aber warum verhält sich der Andere, wie er sich verhält? Bei dieser Frage geht es darum, die gute Absicht im Verhalten des Gegenüber herauszudestillieren. „Gut“ meint dabei nicht „aus meiner Sicht gut“, sondern aus der des anderen. Dazu steige ich quasi in die Schuhe des Gegenübers, sehe die Welt mit seinen Augen und lerne zu verstehen, warum er so handelt, wie er handelt.

Bei mir selber suche ich ebenfalls eine gute Absicht – für meine ablehnende Reaktion nämlich. Was will ich damit erreichen? Welche positiven Ziele verfolge ich?

Jetzt wird’s spannend. Wenn beide Absichten klar sind (und positiv formuliert), dann „verhandle“ ich durch wiederholten Wechsel zwischen diesen beiden Perspektiven und Absichten so lange, bis eine gemeinsame Basis gefunden ist (Verhandlungs-Reframing). Oder zumindest eine, die für beide akzeptabel ist. Damit sollte der Konflikt in meinem Kopf gelöst oder zumindest auf eine sachliche Ebene gehoben sein.

Wichtig für jede Lösung mit diesen Methoden ist die Grundüberzeugung, dass beide Beteiligten aus ihrer jeweiligen Sicht Recht haben können. Und einen guten Grund für ihr Verhalten. Ganz schön schwierig zu akzeptieren, finde ich manchmal… 


Noch viel schwieriger zu akzeptieren ist die radikale Maximalforderung Jesu: „Liebe Deinen Nächsten“. Liebe ihn gerade auch dann, wenn er Dir noch so fern ist, ein noch so großes Ärgernis. Und liebe ihn „wie Dich selbst“. Weil man sich selbst vielleicht manchmal ebenso fern ist, ebenso ein Ärgernis? Dann hilft es, die guten Absichten auf beiden Seiten anzunehmen und zu erkennen, den Konflikt auch mal durch die Augen des Anderen zu sehen. Und zu guter Letzt auch durch die Augen dessen, der beide Kontrahenten gleichermaßen liebt, weil er sie erschaffen hat. Unabhängig von ihren Fehlern, ihren Schwächen, ihren mitunter miesen Verhaltensweisen und Gefühlen. 

So bedingungslos zu lieben wird kaum einem Menschen gelingen. Aber einen Versuch ist es wert. 

2 Kommentare zu „Wut und Ärger. Vom Umgang mit miesen Gefühlen.“

  1. Danke für diese Impulse. „Leider“ haut es halt manchmal die Sicherung heraus. Es zeigt von einer gewissen Größe, wenn man das erkennen und dann „Entschuldigung“ sagen kann. Respekt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.