Graue Gesichter

„Wie zur Hölle kann ein Mensch es genießen, um 6:30 von einem Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, aus dem Bett zu springen, sich anzuziehen, Essen reinzuwürgen, zu k…, zu p…, sich die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen und sich durch ein Verkehrschaos hindurch zu einem Ort zu kämpfen, wo er eine Menge Zaster für einen anderen macht – und dann noch dankbar für die Gelegenheit sein zu sollen, eben das tun zu dürfen?“ (Charles Bukowski, 1920 – 1994)

Morgens kurz vor 7 Uhr, an einem Bahnhof irgendwo in Deutschland. Auf dem Bahnsteig stehen schattenhafte Gestalten, die Kopfhörer im Ohr, den leeren Blick auf den Bildschirm des Smartphones fixiert. Die S-Bahn fährt ein, sie schieben sich herein, lassen sich auf die Sitze fallen, schauen weiter blicklos vor sich hin. Der Zug setzt sich in Bewegung.

Morgens kurz vor 7 Uhr, auf einer Autobahnauffahrt irgendwo in Deutschland. In ihren Blechkisten eingesperrt müde Gestalten, das Radio dröhnt, der Blick sucht gehetzt nach Lücken im Verkehr, nach Chancen, im Stau voranzukommen. Die Blechlawine schiebt sich vorwärts.

Die tägliche Zombie-Apokalypse. Alltag für Millionen von Arbeitnehmern, Berufsschülern, Auszubildenden.

Wenn die Tortur der Anreise überstanden ist, verschwinden all diese grauen Gestalten mit ihren grauen Gesichtern in Fabriken, Büros, Schulen, Lagern und Geschäften. Um sich nach 8 oder 9 Stunden auf den Heimweg zu machen. Noch müder, noch gehetzter, noch grauer. Denn Zuhause, im Feierabend, da beginnt endlich das Leben.

Ehrlich?

Sollte Arbeit und Alltag nicht eigentlich Selbstverwirklichung sein? Engagement, Berufung, Herausforderung, Chance? Für viele, für zu viele Arbeitnehmer sieht die Realität anders aus. Plage, Langeweile, Pflicht, Vergeudung von Lebenszeit. Zombie-Apokalypse eben. Mit uns als den Untoten, den grauen Statisten.

Aber eben nicht für alle. Und was genau macht den Unterschied?

Das Gehalt ist es sicherlich nicht, die Stellenbeschreibung oder die Tätigkeit auch nicht. Denn sonst müssten ja alle ab einem gewissen Monatsgehalt glücklich, alle darunter unglücklich sein. Nein – den Unterschied macht die Einstellung zur eigenen Arbeit, zum eigenen Leben.

Sehe ich mich, sehe ich mein Tun in einem größeren Zusammenhang? Verfolge ich damit ein übergeordnetes Ziel? Ist dieses Ziel bedeutsam im Sinne meiner Werte, vielleicht sogar im Sinne einer höheren Wirklichkeit? Wenn ja, bekommt auch mein tägliches Tun Bedeutung und Wert. Fehlt dieser Zusammenhang, steht mein Handeln vielleicht sogar im Widerspruch dazu, dann wird der Alltag zur Qual.

Übrigens: Selbstachtung und Anerkennung stehen oft genug ganz oben in der Hierarchie dieser Werte. Auch wichtig: etwas für andere erreichen – Sicherheit für die eigene Familie zum Beispiel. Aber was auch immer es ist, dass Dich antreibt: wenn es den Einsatz nicht wert erscheint, dann solltest Du Deine Ziele auf den Prüfstand stellen. Oder Deinen Einsatz. Denn wenn Du morgens nur losziehst, weil man das eben so macht oder – wie Charles Bukowski das formuliert hat – um einen Haufen Zaster für einen anderen zu machen, ist die Verwandlung zum Zombie vorprogrammiert.

Und dafür ist Dein Leben, ist das Leben eines Gotteskindes zu kostbar!

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